Wohnraum contra Frischluftschneise

Im Münchner Norden im Stadtbezirk Feldmoching-Hasenbergl südlich des Lerchenauer Sees liegt die Eggarten-Siedlung. Privatinvestoren als Eigentümer des Areals und Genossenschaften wollen dort ein Wohnquartier mit 2.000 Wohneinheiten errichten.

Die Bürgerinitiative „Rettet den Eggarten“ möchte am liebsten die Siedlung in ihrer heutigen Gestalt bewahren, zumindest aber eine maßvolle Bebauung erstreiten.

 

 

In seiner heutigen Gestalt dürfte die Eggarten-Siedlung in München einmalig sein. Von der ehemaligen genossenschaftlichen Kolonie, bestehend aus 62 Häusern, sind nach der während der NS-Zeit erzwungenen Räumung und Kriegszerstörung nur mehr 20 Häuser geblieben. Auf dem Gelände stehen viele alte Bäume, in den Gärten sind eine artenreiche Flora und Fauna zu Hause. Die Bürgerinitiative spricht mit Blick auf die Absicht, das Gelände zu einem modernen Wohnquartier zu entwickeln, von einem „verlorenen Paradies“.

Auf vielen Grundstücken wuchern Büsche, die schon lange keine pflegende Hand mehr gesehen haben. Da und dort prägen die alten und ausgewachsenen Bäume das Bild. Nur noch wenige Häuser sind bewohnt. Mancherorts sind noch Gartenflächen bewirtschaftet.

Die Bahn, in deren Eigentum der Eggarten während der NS-Zeit kam, hat im Jahr 2001 den Anspruch auf Vorbehaltsflächen aufgegeben. Damit hat die Landeshauptstadt München, genauer: das Referat für Stadtplanung und Bauordnung, die Planungshoheit über das Areal. Baurecht besteht dort bislang nicht – und genau um die Genehmigung von Baurecht sind die Projektpartner jetzt bemüht.

Der Bürgerinitiative ist bewusst, dass es kaum mehr möglich ist, den Eggarten in seiner jetzigen „paradiesischen“ Form zu erhalten. Gegen genossenschaftlichen Wohnungsbau hat die Bürgerinitiative nichts einzuwenden: „Genossenschaftliches Wohnen passt ganz wunderbar zu dieser ehemaligen Erbpacht-Siedlung. Noch dazu, wenn die Genossenschaften ökologisch ausgerichtet sind“, äußerte sich eine Mitstreiterin der Bürgerinitiative.

Investoren und Genossenschaften planen

Doch es sind nicht Wohn-Genossenschaften, die als erste auf das Gelände aufmerksam geworden sind. Ende 2012 hat die für das Immobiliengeschäft zuständige DB-Tochter das bahneigene Gelände an die Immobilienfirma CA IMMO veräußert. Zuvor hatte die Landeshauptstadt München auf ihr Vorkaufsrecht verzichtet. CA IMMO hat nach dem Kauf zusammen mit der Büschl-Unternehmensgruppe die „Eggarten-Projektentwicklung GmbH & Co KG“ gegründet. Zur Realisierung des Projekts hat diese Gesellschaft später die „Genossenschaftliche Immobilien Agentur“ (GIMA) mit an Bord genommen. Die GIMA ist ein Dachverband Münchner Wohnungs-Genossenschaften und weiterer sozialer Wohnungsunternehmen.

Für die GIMA und die ihr angeschlossenen Unternehmen bietet sich damit die Chance, genossenschaftlichen Wohnraum in großem Stil planen und bauen zu können. Diese Möglichkeit räumen ihnen die Privatinvestoren ein nach dem Schema, je mehr Baurecht für Wohneinheiten insgesamt erzielbar ist, desto höher fällt der Anteil aus, den Wohnungsunternehmen aus dem Kreis der in der GIMA zusammengeschlossenen Firmen bauen dürfen.

Klimaökologisches Konfliktpotenzial

Der Eggarten ist kein beliebiges Gelände. Über ihn verlaufen zwei Kaltluftleitbahnen, eine in West-Ost-, die andere in Nord-Süd-Richtung. Diese Kaltluftleitbahnen sind für die Kühlung anschließender innerstädtischer Quartiere bedeutend. Der Eggarten, so beschreibt es das städtische Planungsreferat, hat ein „hohes klimaökologische Konfliktpotenzial“, denn es liegt „in einer wichtigen West-Ost-Richtungen verlaufenden Kaltluftleitbahn am Übergang zu einem gemäß Stadtklimaanalyse der Landeshauptstadt München als »bioklimatisch sehr ungünstig« eingestuften Siedlungsgebiet. Das städtische Planungsreferat geht davon aus, „dass den Zielen des Erhalts der Funktion der Kaltluftleitbahn … auch mit einer Siedlungsentwicklung auf privaten Grundstücken durch entsprechende Vorgaben von Seiten der Stadt Rechnung getragen werden kann.“

Mitte Juli dieses Jahres ist der ausgeschriebene Architektur-Wettbewerb mit einem einstimmigen Votum der Jury entschieden worden. Der Siegerentwurf sieht die Errichtung von ca. 2000 Wohneinheiten auf dem Gelände des Eggartens vor.

Nur mit neuem Gutachten!

Es gibt bereits eine erste gutachterliche Untersuchung, die die Auswirkung einer Bebauung auf die Funktion der Kaltluftleitbahn untersucht hat. Auftraggeber der Studie war die „Eggarten-Projektentwicklung GmbH & Co KG“. Das beauftragte Büro hat eigene Messungen vor Ort vorgenommen und unter Zugrundelegung von städtebaulichen Testentwürfen und eines Strukturkonzepts eine Prognose entwickelt. Danach bleibt die Funktion der Kaltluftleitbahn zwar grundsätzlich erhalten, aber es ist eine Reduktion des Kaltluftabflusses von etwa 10% zu erwarten. In einigen lokal eng umgrenzten benachbarten Bereichen kann die Reduktion auch 25% betragen. Betroffen wären davon ein Teilbereich des Olympia-Wohnparks, die Schule an der Ecke Trieb- / Dieselstraße sowie einige Gewerbe- und Industrieflächen.

Welche klimaökologischen Folgen hat der nunmehr vorliegende Siegerentwurf des Wettbewerbsverfahrens? Welche Auswirkungen hat er auf die Funktion der Kaltluftleitbahn? Vertreter der Privatinvestoren und der GIMA bejahen die Frage nach der Verträglichkeit des Siegerentwurfs. Das Planungsreferat verweist darauf, „dass im weiteren Verlauf des Bebauungsplanverfahrens die Untersuchung weiter fortgeschrieben und konkretisiert wird.“

Skepsis bleibt angebracht. Zumindest so lange, bis ein unabhängiges Gutachten den Siegerentwurf untersucht und bewertet, ob die Kaltluft weiterhin ungehindert über das Eggarten-Gelände in Richtung innere Stadt fließen kann.

Das Konsortium aus Privatinvestoren und genossenschaftlicher GIMA hat im Anschluss an das abgeschlossene Wettbewerbsverfahren mit drei Themenabenden die Planung der neuen Eggarten-Siedlung präsentiert und zur Diskussion gestellt. Dabei kam aus dem Auditorium die Bitte, den Siegerentwurf gutachterlich zu prüfen und das Ergebnis der Prüfung zu veröffentlichen.

Bereits im Juni vergangenen Jahres hat die Ausschussgemeinschaft ÖDP/Die LINKE im Stadtrat den Antrag „Bebauung des Eggartens: Funktion der Grünbeziehungen erhalten“ gestellt. Sie fordert, das „Maß der künftigen Bebauung des Eggartens … an den vollständigen Erhalt der bisherigen Funktion der dort verlaufenden überörtlichen Grünbeziehungen“ zu binden. Mit diesem Antrag forderten ÖDP/Die LINKE die Verwaltung auf, ein Gutachten zu beauftragen um zu klären, „wie sich unterschiedliche Bebauungsdichten auf die Funktion der überörtlichen Grünbeziehungen auswirken.“

Ende Juni dieses Jahres haben der Deutsche Wetterdienst und das städtische Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) das Kooperationsprojekt „Stadtklimatische Untersuchungen der sommerlichen Temperaturverhältnisse und des Tagesgangs des Regionalwindes (»Alpines Pumpen«) in München“ vorgestellt (Rathaus Umschau 26.06.2020).

Tobias Fuchs vom DWD: „Die bereits gemessene Temperaturzunahme aufgrund des Klimawandels wird sich in Zukunft noch verstärken. Die Stadtklimasimulationen des DWD zeigen, dass sich im günstigsten Fall die Anzahl der Sommertage¹ im Stadtgebiet bis 2050 gegenüber dem Zeitraum 1971 bis 2000 um 35 bis 40 Prozent erhöht. Im ungünstigsten Fall kann es sogar zu einer Verdopplung der Sommertage kommen.“

Umweltreferentin Stephanie Jacobs wies auf „die Bedeutung der Luftaustauschbahnen als auch von großen, zusammenhängenden Grünflächen“ hin und führte weiter aus: „Die Landeshauptstadt München hat sich zum Ziel gesetzt, dem Klimawandel auch auf planerischer Ebene zu begegnen. Hier sind vertiefende stadtklimatische Gutachten nötig.“

Stadtpolitik und Anpassung an den Klimawandel

Stadtverwaltung und Münchner Stadtrat sind noch Antworten auf zwei weitere Anträge schuldig. „Transparente Stadtplanung – Gutachten veröffentlichen“, fordert die ÖDP (19.11.2019) und kritisiert, dass Bauplanungen im Münchner Norden, explizit auch die für den Eggarten, „von Investorenseite von Intransparenz geprägt“ seien.

„Bebauungspläne sofort stoppen – Klimatische Gutachten für die Gesamtstadt durchführen“, fordern ÖDP und Freie Wähler (29.06.2020), kurz nachdem die prognostischen Studien des Deutschen Wetterdienstes veröffentlicht worden sind. Alle Planungen im Außenbereich Münchens, Eggarten, Truderinger Straße, Freiham 2, Hachinger Tal, KOSMO, SEM Nordost und Ludwigsfeld, sollen auf ihre klimatischen Auswirkungen auf die Gesamtstadt begutachtet werden, bevor der Stadtrat diese Vorhaben rechtskräftig beschließt. Dazu soll die Stadt auch den Regionalen Planungsverband einbeziehen.

München hat den Klimanotstand ausgerufen. Dieser Beschluss hat eher symbolischen Charakter. Mit einem gemeinsamen Antrag fordern die Grünen – Rosa Liste und SPD/Volt die Gründung eines eigenständigen Referats für Klima- und Umweltschutz. Beide Fraktionen begründen den Antrag mit der Feststellung: „Mit dem Beschluss des Stadtrats vom 18.12.2019 hat München sich zum Ziel gesetzt, bis 2035 zu einer klimaneutralen Stadt zu werden und alle relevanten Beschlüsse einer Klimaschutzprüfung zu unterziehen.“ Ob sich diese politische Initiative auch bereits auf die Planung für die Eggarten-Siedlung auswirkt?

Im Dezember 2018 wollten die Grünen – Rosa Liste, damals noch in der Opposition, eigene Akzente zur Entwicklung des Strukturkonzepts der Eggarten-Siedlung setzen. Die Verwaltung solle mit den Grundstückseigentümern über den Ankauf des Geländes durch die Stadt München verhandeln, um damit vorrangig den Erhalt der Kaltluftbahnen in den bestehenden Grünzügen sowie den Erhalt des Charakters der Siedlung zu sichern.

Seit der Kommunalwahl im März dieses Jahres stellen die Grünen – Rosa Liste die stärkste Fraktion im Rathaus. Wie steht die Fraktion heute zu ihrem damaligen Standpunkt?

„Der Stadtratsfraktion Die Grünen-Rosa Liste wäre es am liebsten, die Landeshauptstadt München würde das Areal jetzt noch erwerben, doch die Eigentümer wollen vermutlich nicht verkaufen“, teilt  Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher mit. Den Erhalt der Kaltluftleitbahn sieht die Grünen-Fraktion mit dem Siegerentwurf mit Korrekturen im Detail als machbar an. Zur Frage nach einer unabhängigen Begutachtung des Siegerentwurfs schreibt Bickelbacher: „Angesichts der zunehmenden Temperaturen der Wärmeinseln in der Stadt und der erforderlichen Gegenmaßnahmen durch Kaltluftzufuhr und lokaler Kaltluftentstehung sollte ein solches Gutachten mit den Parametern des Siegerentwurfs unbedingt erstellt werden.“ Andreas Bohl (Der für den Mieterspiegel aktualisierte Artikel erschien in den Haidhauser Nachrichten (09/2020))

¹ Ein Sommertag ist ein Tag, an dem das Temperaturmaximum der Lufttemperatur mindestens 25 ºC beträgt.

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